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Mittwoch, 29. Juli 2015

Sommerregen




Wenn ich von Sommerregen sprach, dann meinte ich damit kühle Tropfen auf meiner schweißnassen Haut. Wenn ich von Sommerregen sprach, dann dachte ich an Schuhe ausziehen, barfuß sein und durch Pfützen springen. Ich sah mich klitschnass durch den Wolkenbruch rennen, der der Welt für einen Moment Abkühlung verschaffte. Wenn ich von Sommerregen sprach, dann kribbelte es aufgeregt in meiner Nase, die sehnsüchtig auf den altbekannten Duft von feuchter Erde wartete. Wenn ich von Sommerregen sprach, dann träumte ich mir meine Hand in deine.

Es ist Ende Juli, viel zu kalt, der Himmel dunkelgrau und meine Blumen auf dem Balkon ersaufen. Ich stehe am Fenster und starre in den Sommerregen, und meine Hand, meine Hand, die erstickt in der Hosentasche.


Sonntag, 26. April 2015

Foudroyant




Der Handkuss ist - an sich genommen und korrekt ausgeführt - eine harmlose Geste. Die Berührung verharrt in ihrer Andeutung und scheint fast abrupt in ihrem natürlichen Ablauf unterbrochen zu werden. Der Handrücken und die Lippen halten für einige Sekunden, nur wenige Millimeter voneinander entfernt, inne, der Kuss bleibt unvollendet und doch sehnsüchtig erwartet.

Eine Infektion beginnt meist unbemerkt. Die ersten Symptome sind harmlos. Manchmal spürt man jahrelang nichts davon, während sich die Krankheit schleichend im Körper ausbreitet, durch die Venen kriecht, die Organe an sich reißt, die Knochen befällt und schließlich im Endstadium das Hirn besiedelt. Manchmal bricht sie bereits nach wenigen Tagen aus, ergreift Körper und Verstand und führt in ein nicht heilbares Delirium.

Die Nächte im Krankenhaus sind lang und dunkel. Das weiße Flurlicht kriecht unter der Tür hindurch in mein Zimmer. Ich liege in meinem weißbezogenen Bett und starre auf die hellen Streifen, die sich über den Boden ziehen und allmählich von der Dunkelheit gefressen werden. Wenn ich aus dem Fenster schaue, dann sehe ich die schwarzen Konturen der Stadt im Nachthimmel. Hin und wieder bemerke ich schnelle Schritte auf dem Gang, manchmal denke ich, dass ich gerade ein leises Wimmern oder einen gequälten Schrei gehört habe. Ich spüre dann meinen Herzschlag und das ist ein gutes Gefühl.
Schlaflosigkeit ist eine Nebenwirkung von dem Mittel, das tröpfchenweise in meinen Arm fließt. Wenn mir langweilig ist, drücke ich auf die Nadel, die in meiner Haut steckt. Die Ärzte sagen, wenn ich dann einen pieksenden Schmerz spüre, ist das ein gutes Zeichen. Ich fühle nichts.

Deine Fingerknöchel trommeln leise an der Tür. Ich antworte nicht. Als das grelle Licht mitsamt deiner schwarzen Silhouette in den Raum huscht, bin ich geblendet und muss kurz blinzeln. "Hallo", sagst du, während du dich zu mir ans Bett stellst und routiniert die Kabelage überprüfst mit der ich verbunden bin, "ich habe nicht viel Zeit".
Ich nicke und schaue dich an. Du blickst zurück mit deinen kühnen Augen, dann kniest du dich vor mein Bett und lässt deine Hand unter meine Decke wandern. Ich strecke dir meine mit Haut umhüllten knochigen fünf Finger entgegen und du ziehst sie vorsichtig zu dir. Du schiebst deinen Mundschutz unter dein Kinn und flüsterst warme süße Worte. Ich kann auf dich herunter schauen, während du meine Hand langsam zu deinen Lippen führst. Die Bewegung endet wie eingefroren vor deinem Mund, ich spüre deinen Atem auf meinem Handrücken. Dann legst du meine Hand zurück unter die Bettdecke. "Ich bin ungeduldig", wispere ich. Wortlos drehst du dich um und gehst.

Du stehst schon im Türrahmen. "Ich weiß", sagst du. Und dann fügst du hinzu: "Ich habe dich infiziert".

Donnerstag, 9. April 2015

Jungs wie du - II





Vielleicht freut es dich, wenn ich deine Geschichte hier aufschreibe. Vielleicht freut es dich, wenn ich dir sage, dass du mir so langsam ans Herz wächst. Und genau dann kommt der Punkt, an dem es schon wieder Zeit ist, loszulassen. 7 Monate kennen wir uns jetzt. 7 Monate, in denen du dich ganz schön verändert hast. Vor einigen Tagen habe ich dir ein buntverpacktes Geschenk in die Hand gedrückt. Zum Geburtstag. Da hast du mich zum ersten Mal umarmt. Und danach schüchtern grinsend auf den Boden geschaut.
Ich kann gut verstehen, dass es dir nach all dieser Zeit schwer fällt, genau jetzt zu gehen. Wahrscheinlich bist du lange nicht mehr irgendwo richtig angekommen. Vielleicht gefällt dir das Gefühl, abends zu wissen, wo du morgens aufwachst. Und dich dann nicht fragen zu müssen, wo du eigentlich gerade bist.

Ich stehe neben dir im Türrahmen und versuche dich zu überreden, trotzdem einen Schritt nach vorn zu wagen, auf unsicheren Boden. Du zögerst, schüttelst den Kopf. Sagst, dass du nicht mitkommen willst. Schließlich würdest du doch in zwei Monaten eh im Knast landen. Da bräuchtest du jetzt auch kein neues Zuhause mehr. Jetzt antworte ich dir mit einem Kopfschütteln und sage, dass das Unsinn ist. Dass du nicht im Gefängnis landen wirst. Solange du nur den Weg weiter gehst, den du hier begonnen hast. Auch wenn er vielleicht steiniger und schwieriger ist als die dunklen Schleichwege, die du zuvor entlang gerannt bist.

Tatsächlich fahren wir eine Stunde später zusammen mit der Bahn. Ich habe uns Eis gekauft, wir sitzen schweigend nebeneinander und lassen die Schokoglasur beim Abbeißen knacken. Ich frage mich, was wohl andere Leute denken, wenn sie uns hier so sitzen sehen. Ob sie sich fragen, wie wir miteinander verbunden sind, und welche Antwort sie sich zusammen reimen. Immerhin erkennt man unsere Schicksalsgemeinschaft an dem Eis.

Der Zug bringt uns an den Rand der Stadt, dort laufen wir die schläfrige Hauptstraße entlang, deuten auf die Häuser, die uns gefallen und in denen wir gern wohnen würden. Am Ende der Allee erstreckt sich ein riesiges Gelände, darauf kleine und große Gebäude, Grasflächen, uralte Bäume. Die Anlage beherbergt eine Mischung aus Sanatorium, Alten- und Kinderheim. Du lachst: "Das ist doch ein Krankenhaus, hier". Ich lege den Kopf in den Nacken und schaue die noch kahlen Zweige der Bäume an, die sich in den blauen Himmel bohren. "Das perfekte Rentnerparadies", denke ich, grinse in mich hinein und gebe dir schweigend Recht.

Schließlich stehen wir im Korridor, die Möbel gleichen einem Sammelsurium, es fehlen Bilder an den Wänden und irgendwie wirkt alles lieblos. Wir schauen uns das Zimmer an, du verziehst nicht einmal das Gesicht, ich weiß nicht, was in dir vorgeht. Als ich noch in dem Raum stehe, gehst du um die Ecke, die Tür zur Feuertreppe ist geöffnet, auf dem Gitter steht ein Plastiksstuhl. Ein provisorischer Balkon. Du stützt dich auf das Geländer, die Sonne scheint dir ins Gesicht, du blickst in die Ferne.

Wir gehen weiter durch die breiten dunklen Flure, biegen um Ecken. Ich bemerke eine Zimmertür, darauf steht mit blauem Edding geschrieben: "Eines Tages wird das Leben schöner sein".
Am Ende der Führung stehen wir mit denjenigen zusammen, die dich hier begleiten könnten. Als wir uns verabschieden, endest du mit einer Geste, die ich nicht erwartet hätte. Du klopfst dem älteren Mann mit der Nickelbrille auf die Schulter. "Merci, mon frère", sagst du.

Auf dem Weg zum Bahnhof, laufen wir die lange Straße abermals entlang. Du bleibst stehen, drehst dich nochmal um und machst ein Foto davon. Dann ein Bild von uns. "Als Erinnerung", ergänzt du.
Ob du wieder kommen wirst? Ich weiß es nicht. Vielleicht. Schließlich ist sie ja immer noch da. Die Hoffnung auf ein schöneres Leben. Die Hoffnung die man hat, wenn man ein Junge ist wie du.

Samstag, 10. Januar 2015

Jungs wie du



Wir fahren mit der Straßenbahn durch die halbe Stadt, du setzt dich nach jedem Umstieg neben mich, auch wenn du die Möglichkeit hättest, dir einen anderen Platz zu suchen. Wir schweigen. Ich schaue aus dem Fenster, die Sonne scheint. Nach einer Zeit frage ich dich, ob du weißt, wie es gleich abläuft. "Ja", sagst du. Die komplette Fahrt über bleiben wir still. Dann steigen wir aus, du fragst nach meinem Feuerzeug, wir stehen in der Sonne, du steckst dir eine Zigarette zwischen die Lippen, wir sind beide ein bisschen unschlüssig, ich hocke mich auf ein Geländer, du lehnst dich an einen Stromkasten. Deine Beine zappeln, und dafür, dass es immer wieder in einschlägigen Zeitungen heißt, Jungs wie du hätten keine Angst mehr vor der Polizei, wirkst du ziemlich nervös.
Als du fertig bist, nickst du mir zu. Wir gehen zum Eingang, du kennst den Weg.

Über dem Schreibtisch des Polizisten hängen an der Raufasertapete zwei Kinderzeichnungen. Zwei Bilder, DIN A4, Querformat. Auf jedem Papier findet sich ein großes dickes Buntstiftherz, darunter das Wort "Baba". Davon abgesehen ist der Raum kahl, keine persönlichen Gegenstände, dafür ein großer Wandschrank voller Beweismittel. Es ist eng in dem kleinen Büro, die Tür lässt sich nicht mehr öffnen, wenn vier Personen darin sitzen.

Der Polizist weist uns die Stühle zu, du in der Mitte, ich links von dir, der Dolmetscher rechts von dir. Uns gegenüber nimmt er selbst Platz. Die Vernehmung beginnt, die Wahrheit ist eine Geschichte, oder die Geschichte deine Wahrheit, zumindest betont der Polizist immer wieder, dass er dir nicht glauben würde, denn die Beweise sprechen gegen dich.
Mein Blick schweift immer wieder zu den Bildern an der Wand, während der Polizist das Verhör am Computer verschriftlicht. Ich frage mich, ob du deinem Vater auch einmal solch ein Bild gemalt hast, ob man dir überhaupt jemals Buntstifte gegeben hat, ob du überhaupt weißt, wer dein Vater ist.

Ich bin mir nicht sicher, ob das rhetorische Finesse ist oder nur plumpe Aggression, als der Polizist plötzlich laut wird und sagt "Mir reicht's", mit dem Finger auf dich zeigt und dir eine letzte Chance gibt, die Wahrheit zu sagen. Aber ich bin mir sicher, dass es einem Dolmetscher nicht gestattet ist, zu sagen, dass Jungs wie du den Ruf seines Volkes durch den Dreck ziehen. Also melde ich mich zum ersten Mal nach den vergangenen sechzig Minuten zu Wort.
"Sie sind doch Deutsche, sie wissen doch gar nicht, wie das ist", höre ich. Ich frage mich, was "das" sein soll und denke, dass zur Zeit einige Menschen, die deutsch wie ich sind, auf die Straße gehen und eine "Null-Toleranz-Politik" für Jungs wie dich fordern.

Nach 90 Minuten stehen wir wieder im Sonnenschein, ich drücke dir mein Feuerzeug in die Hand und sage "Geschenk". Dann rauchst du erstmal. Die sogenannte Wahrheit ist nun ein Textdokument mit deiner Unterschrift.
Wir fahren zurück, du sitzt wieder neben mir. Wir fahren immer noch schweigend, steigen um und aus. Nebeneinander gehen wir die letzten Meter, wir laufen auf gleicher Schritthöhe. Dann schließe ich die Tür auf, zu meiner Arbeit, zu deinem ersten gefühlten, ja, was denn eigentlich, vielleicht Zuhause seit langer Zeit. "Dankeschön", sagst du und schaust mich dabei an.

Ich habe dich mal gefragt, was du dir wünschst. Du hast gesagt, dass du gern deine Freundin heiraten möchtest. Vielleicht sind das die Träume, die man hat, wenn man ein Junge ist wie du.

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Schluckauf



Du erwischst mich immer unvorhergesehen. Es sind keine besonderen Situationen, in denen du dich bemerkbar machst, mich hinterlistig überfällst und mir aufdringlich die Hände um den Hals legst. Du fragst nicht nach Erlaubnis, du tauchst plötzlich auf, lässt mich nach Luft schnappen und ärgerst mich. Je mehr ich versuche, mich gegen dich zu wehren, desto weniger bekomme ich dich in den Griff. Ich habe schon alles probiert: Die Luft anhalten, dabei alles hinunter schlucken. Ich habe mich erschrecken lassen und gehofft, dass die Angst dich verscheuchen kann. Ich habe mich an das gestrige Frühstück erinnert und nicht mehr an dich gedacht.
Und doch bleibt alles wirkungslos. Ich kann nur abwarten und wünschen, dass du genauso unvermittelt verschwindest wie du aufgetaucht bist. Und solange steckst du wie ein Frosch in meinem Hals und flatterst wie verirrter Vogel in meinem Kopf herum, denn ich ahne - du denkst gerade an mich.

Sonntag, 30. November 2014

Rumänien



Du hast immer gesagt, dass wir eines Tages zusammen nach Rumänien fahren. Zu deinen Verwandten auf's Land. Und ich habe mir vorgestellt, wie das wäre. Zusammen auf dem Land bei deinen Verwandten, die in kleinen schrägen Häusern wohnen, die aussehen wie real gewordene Kinderzeichnungen. Mit dicken Schornsteinen, schrumpeligen Dachziegeln, kleinen Fenstern mit geblümten Gardinen und klapperigen Holztüren. Und in meinen Gedanken waren die Häuser umzingelt von Feldern und Gemüsebeeten, alten Obstbäumen, schmalen Trampelpfaden und einer schotterigen Dorfstraße.

Wir waren Teenager. Du hattest Kummer, eine Schwäche für Rotwein und verrauchte Kneipen. Ich hatte Langeweile und eine Schwäche für dich. Du erzähltest mir Geschichten von dem süßlichen Duft der sonnenreifen Weintrauben und den weichen Lippen rumänischer Frauen. Ich sah uns bereits in deinem kleinen roten Auto sitzen, du am Steuer, ich auf dem Beifahrersitz. Zusammen auf dem Weg gen Osten. Im Kofferraum unsere Schlafsäcke, die Fenster hinunter gekurbelt, meine Hand im Fahrtwind, eine Gauloise in deinem Mund und Chopin, den du so gern hattest, klimperte in unseren Ohren. Wir würden nicht reden, die Welt würde vorbei ziehen und irgendwann wären wir angekommen. Auf dem rumänischem Hügel. Deine Verwandten wären mit Willkommensparolen aus ihren Häusern gestürmt, hätten uns mit Tomatensalat und Hähnchenschenkeln gemästet und vielleicht wären wir nie wieder den Berg hinunter gefahren. Vielleicht wären wir für immer geblieben. Vielleicht wären wir in eines der Häuser gezogen. Vielleicht hätte ich uns morgens starken schwarzen Kaffee gekocht. Vielleicht hätten wir ein Kind bekommen oder sieben.

Tatsächlich sind wir nie nach Rumänien gefahren. Der Gedanke ist aber immer noch in meinem Kopf. Er kriecht dort herum, windet sich wie ein Wurm durch die dunkle Erde, und immer wenn es regnet, dann kommt er kurz zum Vorschein, schnappt nach Luft und verschwindet wieder. Man kann nicht von einem Erdbeben sprechen, die Erschütterung ist so fein, dass ich sie kaum bemerke, aber manchmal denke ich dann an dich, deinen Biss in meinen Handrücken und die kleinen Zettelchen, die du mir unauffällig in der Schule zugesteckt hast.
Ich weiß nicht, was du jetzt machst, ob du schon an Wein und Wodka ertrunken bist, oder ob du mittlerweile alle Werke Bukowskis auswendig kannst. Und eigentlich ist es mir auch egal. Aber wenn du jetzt gerade in einem rumänischen Dorf sitzt, umringt von deinen sieben Kindern und jemand dir eine Tasse schwarzen Kaffee an den Schreibtisch bringt, an dem du deine Geschichten schreibst, dann nehme ich dir das übel. Denn dieser Plan gehörte uns.

Samstag, 15. November 2014

Sommer in Berlin




Ich hatte den Gedanken einige Tage mit mir herumgeschleppt. Wie einen Pfirsich, den man beim Einkaufen unachtsam als erstes in die Tasche steckt und danach unter unzähligen anderen Produkten begräbt. Ich lief mit dem Gedanken durch die Stadt, vergaß ihn in der Tasche, hatte ihn beim Auspacken übersehen. 

Und als ich einige Tage später zur Tasche griff, entdeckte ich den Gedanken, halb zerquetscht, halb vergammelt. Sein süßlich-saurer Geruch stach mir in die Nase und ich ekelte mich davor, die überreifen Reste abzukratzen. Der Gedanke hatte unbemerkt die Tasche verfärbt und klebte nun am Innenfutter, selbst die Waschmaschine ließ die Spuren nicht verschwinden.

Von jetzt an begleitete mich der Gedankenfleck, er war hässlich und zeugte von meiner Unbedarftheit, aber ich konnte mich nicht von ihm trennen, weil ich den Pfirsich doch eigentlich für dich gekauft hatte.

Sonntag, 21. September 2014

Sommer 2011





Fingernägel knabbern. Im großen Stil. Meine Fingernägel sind klein und brüchig. Es reicht ein Pinselstrich und schon sind sie lackiert. Sobald ein Stückchen übersteht, stecke ich mir den Nagel zwischen die Schneidezähne und beiße zu. Es gibt Leute, die schlucken ihre Hornecken runter. Es gibt Leute, die spucken sie auf die Straße. Ich gehöre zu den Letzteren. Verteile meine DNA überall in der Stadt. Bin nicht besser als einer, der regelmäßig die Mädchen am Straßenrand mitnimmt und seine DNA in der Stadt verteilt. Letztlich ist das mehr so eine Ich-war-hier-Methode. Könnte auch Bäume und Sträucher anpissen. Ist immer eine Frage des Wies.


Der Sommer ist vorbei. Das sage ich schon seit Tagen und ich werde dem nicht müde. Ich sage nicht: "Der Herbst fängt an", ne, ich sage: "Der Sommer ist vorbei". Das hat sowas Endgültiges und das gefällt mir. Anders ist das, wenn der Winter zu Ende geht, dann sage ich immer: "Der Frühling fängt an", das macht mir gute Laune und ich erzähle es allen, die mir so über meinen Weg laufen, während ich Fingernägel in die Gegend spucke, dass ich den Frühling riechen kann. Nickende Gesichter, die sich dann schnell von mir abwenden. Wer will schon mit einer gesehen werden, die ständig die Finger im Mund hat wie ein Kleinkind.


Explodiert ist er, der Sommer. Direkt vor meinen Füßen hat er alle Pflanzen austrocknen lassen. Hat mich invalide gemacht. Tagelang habe ich einfach bedeppert im Bett gelegen, keiner hat mich evakuiert, und ich dachte, ich sterbe einen qualvollen Hitzetod. War nicht so. Der Sommer verzog sich so schnell wie er gekommen war, und ich fragte mich, ob es das jetzt gewesen sei. Irgendwie hatte ich mehr erwartet. Hatte auf Sommernächte gehofft, in denen ich mit zwielichtigen Gestalten an Gewässern sitzen würde und wahlweise schwieg oder rumpöbelte. Bis mich einer nimmt und mich ins Wasser schmeißt. Hat keiner gemacht. Ich saß ja auch nicht am Wasser. Hatte andere Dinge zu tun. Mücken in meinem Zimmer jagen. Nasse Handtücher um meinen Kopf wickeln. Überreife Bananen essen. Solche Sachen eben, die man macht, wenn man's nicht mehr aushalten kann. Was eigentlich? Nicht mehr aushalten?
Weiß ich auch nicht so genau.

Montag, 28. Juli 2014

Es ist okay



Es ist okay, dass du wegziehst. Ehrlich. Ich werde dich nicht vermissen, denn eigentlich kenne ich dich gar nicht. Und das war jetzt gelogen, zumindest zur Hälfte. Oder eben die "halbe Wahrheit", wie man so sagt. Klingt schließlich besser als "Lüge". Du darfst dir überlegen, was du glaubst.

Es ist okay, dass du Berlin bald dein Zuhause nennen wirst. Die Stadt passt viel besser zu dir und deiner vorlauten Art, deinen wilden roten Locken und deinem Silberblick. Du wirst nicht mehr über Kopfsteinpflaster stolpern müssen, denn dort kannst du die ebenmäßigen Bürgersteige zu deinen persönlichen Laufstegen machen. Ich kann mir gut vorstellen, wie du jeden Abend in einer anderen Bar sitzt, die Zigarette zwischen deinen Himbeerlippen und dein kratziges Lachen, mit dem du alle Köpfe ganz automatisch in deine Richtung verdrehst.

Es ist okay, dass ich dich nicht mehr sehen werde. Obwohl du gesagt hast, dass ich mich gern melden kann, wenn ich mal in der Hauptstadt bin. Selbst wenn wir uns treffen würden, wir hätten uns nichts zu sagen. Das war doch schon immer so, fast jeden morgen an der Bushaltestelle. Ich war zu schüchtern um meine Kopfhörer abzunehmen und mit dir über das Wetter zu reden, und du warst zu morgenmuffelig und hast dir beinahe bockig Croissantfetzen in den Mund gestopft. Also blieb es nur bei einem Nicken, einem vorsichtigen Lächeln. Und dann kam der Bus und nahm uns mit. Woanders hin.

Es ist okay, dass wir uns in den letzten drei Jahren vielleicht zweihandvollmal miteinander unterhalten haben. So richtig, meine ich. Immer traf ich dich zufällig in irgendwelchen Kneipen. Du warst dann redseliger, ziemlich charmant sogar, vermutlich beschwippst, ich bin mir nicht sicher. Aber wir grüßten uns und du nahmst mich bei der Hand und zogst mich zu dir. Und dann stelltest du mich namentlich deinem Bekanntenkreis aus stets neuen Gesichtern vor, und ich war ein bisschen stolz darauf, dass du dir merken konntest, wer ich war. Nicht wer ich bin. Und ich verfälschte absichtlich meine Stimme und versuchte möglichst scharfsinnig-witzige Anekdoten von mir zu geben, weil ich unsicher war und du so anmutig in deiner betörenden Borniertheit.

Es ist okay, dass du gehst. Wirklich. Aber es ist schade, dass du niemals wissen wirst, wie sehr ich dich eigentlich mochte. Obwohl ich dich nicht kannte. Und jetzt darfst du nochmal von vorn lesen, denn dann erfährst du immerhin die Wahrheit.

Donnerstag, 17. Juli 2014

Übermut und Tunichtgut



In der letzten Woche haben zwei Personen, ganz unabhängig voneinander, bemerkt, dass sich an mir etwas verändert hat. Es ist nur eine Kleinigkeit. Ein winziges Detail. Aber die Bedeutung ist enorm.

Meine Füße haben bereits vieles gesehen, mussten schon einiges durchmachen, haben tagelang in verschwitzten ungemütlichen Turnschuhen gesteckt und hatten nach durchtanzten Highheelnächten einen gewaltigen Kater. Dafür wurden sie aber stets belohnt: Pariser Pelouse, Atlantikwasser, Küsse auf die kleinen Zehe.
"Füßchen Übermut und Füßchen Tunichtgut", so hatte meine Mutter meine Füße getauft, als sie mir morgens die Socken anzog. Daraus wurde ein Ritual und ich tippelte, hoppste und trampelte mit diesen, ihrem Ruf voraus eilenden, Füßen durch die Welt.  Sie waren kaltblütig, träumten viel zu oft, verloren das Gleichgewicht und ließen mich unangenehm über Gehwegplatten stolpern. Immer wieder machten sie mit all ihrem Übermut und Tunichtgut auf sich aufmerksam, damit ich ihnen mehr Beachtung entgegen brachte.

Siebenmeilenstiefel gibt es nicht in Schuhgröße 36. Aber das war meinen Füßen egal, sie wollten trotzdem laufen, klettern und von Klippen baumeln. Und ich tat ihnen den Gefallen, denn sie brachten mich zuverlässig an Orte und zu Personen, die mein Herz höher schlagen ließen. Dabei ist mein Herz so weit von meinen Füßen entfernt, mindestens 140 Zentimeter. Das ist mehr als meine Schrittlänge.

Mein Hautarzt hat einmal gesagt, dass es gefährlich ist, wenn Leberflecke dunkler werden, wenn sie größer werden, oder wenn sie ihre Form verändern. Seit jeher habe ich diesen Leberfleck auf meinem rechten Fuß. Ich finde, er passt da ganz gut hin. Irgendwo unter dem Ringzeh. Fast so schön wie ein kleines Muttermal über der Lippe.
Dieser Leberfleck ist eine Kleinigkeit, er fällt nicht weiter auf, es ist kein juckender Mückenstich, keine geschichtsträchtige Narbe. Mein Ringzehleberfleck war schon immer einer von vielen. Bis er sich verändert hatte. Und ich hatte es nicht bemerkt. Ich musste erst von anderen darauf aufmerksam gemacht werden, dass er kein normaler Leberfleck mehr war. Er hatte seine Form verändert. Aus einem kreisrunden Punkt ist ein winziges Herz geworden. 

Mein Herz hat sich zu meinen Füßen gesellt. Zu Übermut und Tunichtgut. Ich glaube, die beiden brauchen noch ein bisschen Zeit um sich daran zu gewöhnen.

Sonntag, 6. Juli 2014

Sommergewitter


Du hast mal gesagt, dass du den Regen magst. Weil es immer den Anschein hat, als würde er die Welt wegspülen wollen. Wahrscheinlich waren das gar nicht deine Worte, sondern ein geklautes Zitat, das du als dein eigenes Gefühl ausgegeben hast.

Ich sitze an meinem Fenster und der Regen fällt vom Himmel runter. Es muss ein gewaltiger Wolkenrohrbruch sein. Ich frage mich, ob du jetzt auch gerade nach draußen schaust und die Luft einatmest, die gerade von der Sommerhitze rein gewaschen wird. Es gibt keinen Weichspüler namens Sommerregen, vielleicht ist das eine Marktlücke.

Wenn es im Sommer regnet, muss ich an dich denken. Diesen Gedanken habe ich geklaut, und ich frage mich, wie viele Leute an dich denken, wenn es regnet. Mit wie vielen Leuten du schon still am Fenster gestanden hast und den Regen beobachtet hast. Das Prinzip ist immer gleich. Du atmest ein. Dann tust du so, als würdest du nachdenken. Du legst deinen schönen Kopf zur Seite. Und schließlich säuselst du: "Ich mag den Regen. Ich glaube, er könnte die Welt wegspülen, wenn er wollte."

Manchmal frage ich mich, an wen du denkst, wenn es regnet. Manchmal frage ich mich, ob du weißt, dass du ein Dieb bist.

Donnerstag, 19. Juni 2014

Blau


Viele Menschen haben im Flugzeug die Angewohnheit, Tomatensaft zu trinken. Ich hatte schon immer die Angewohnheit, in Flugzeugen zu weinen. Es ist kein ängstliches Schluchzen, kein aufgeregtes Heulen. Ich weine nicht, weil ich Heim- oder Fernweh habe, nicht weil ich Flugangst habe. Ich weine nicht aus Traurigkeit oder vor Glück, ich weine, weil ich überwältigt bin.

So auch diesmal. Das Flugzeug überquerte den Atlantik. Ich saß am Fenster, wenn ich hinaus schaute, war alles blau. Oben, unten, links, rechts. Blauer Himmel, blaues Wasser. Der Platz neben mir war frei, ich klappte das Tischchen herunter und stellte meinen Plastikbecher mit zuckersüßem Orangensaft darauf. Als die Stewardess später den Becher einsammelte, klappte mein Nebenmann, der am Gang saß, den Tisch sofort wieder hoch. Er hatte mittlerweile die dritte Miniaturweißweinflasche geleert und ich fragte mich, warum er sich dem Dusel hingab. Vielleicht hatte er Heim- oder Fernweh, vielleicht hatte er Flugangst, vielleicht war er zu traurig oder zu glücklich, oder es ging ihm wie mir, er war überwältigt. Ich wusste es nicht, ich hatte kein Interesse daran, es zu erfragen, wir sahen uns ja nicht einmal an, unsere einzige Kommunikation fand über das Auf-und-Zu-Klappen des Tischchens statt.

Und dann erblickte ich unter mir plötzlich Land. Das Land war merkwürdig braungrau und sah anders aus als jedes andere Land, das ich zuvor von oben gesehen hatte. Keine grünen Felder, die man ausmachen konnte, keine blauen Flüsse, keine grauen Städte. Ein brauner Farbklecks, der von einem dunkelblauen Tintenmeer gerahmt wurde.
Durch meine Kopfhörer purzelten Glockenspieltöne und unverständliche Worte in meine Ohren. Ich hatte dieses Lied jahrelang mit diesem Ort verbunden, der nun unter mir lag, den ich nie zuvor gesehen hatte, von dem ich aber jahrelang geträumt, fantasiert und geschwärmt hatte. Ich fühlte mich wie eine Dreizehnjährige, die ein Konzert von ihrer Lieblingsband anschauen darf und später in den Backstagebereich eingeladen wird. Alles war zum Greifen nah, es war kein Traum mehr, es war real. Ich war überwältigt. Ich zitterte nicht, ich kreischte nicht, ich schaute nur begeistert auf die Welt, die sich vor mir eröffnete, während Sigur Rós weiterhin alles in mir zum Erklingen brachten.

Mein Sitznachbar starrte unbeweglich auf die Kopfstütze vor sich. Ich starrte aus dem Fenster. Und dann rollten die Tränen. Ganz langsam. Während gleichzeitig die Räder auf der Piste des Flughafens aufsetzten und genauso langsam zum Terminal rollten.

"Welcome to Iceland", sagte der Pilot.

Mittwoch, 14. Mai 2014

Eiswürfel



Ich lache verhalten. Du gibst dir einen Ruck. Zwischen uns der Tisch. "Zum Glück", denke ich. Du lehnst dich zu mir. Ich nehme mein Glas. Es ist leer. "Willst du noch was trinken?", fragst du. Ich sage hastig: "Nein". Du greifst meine Hand. Ich ziehe sie weg. - "Was hast du denn?".

Ich schweige.

Du kommst immer näher. Mit deinem Kopf, deinen Worten, deinen Gefühlen. Auf dem Glasboden ist ein Eiswürfel. Ich mache den Mund auf und kippe mir den kalten Klumpen hinein. Meine Zunge erfriert. Du guckst mich an. Ich schiebe den Würfel von der einen Wange in die andere. Und wieder zurück. Du guckst immer noch. Alles schmilzt. Ich habe eine Pfütze im Mund. Dann schlucke ich sie runter. Sie fließt in mich hinein. Durch mich durch. - "Was ist nur los mit dir?".

"Zu wenig", antworte ich kaltblütig.

Donnerstag, 8. Mai 2014

Katzen in St. Petersburg



Beim Aufräumen entdeckte ich die CD. Ich hatte sie nie gehört und so rutschte sie wohl mit der Zeit immer weiter nach hinten in den Schrank hinein. Als ich sie unter einer Staubdecke hervor zog, starrte ich für einen Augenblick verwirrt auf die Plastikhülle. Dann kam die Erinnerung wieder.

Ich saß in Sankt Petersburg in einem kleinen Restaurant in einer Seitenstraße des Newski Prospekts und aß einen Salat. Der Preis entsprach dem Geld, das eine Person in den Außenbezirken der Stadt für eine Woche zum Leben hatte.
Ich war beinahe allein in dem Restaurant, ich hatte einen Platz direkt am Fenster und konnte die vorbei ziehenden Menschen beobachten. Es dämmerte leicht, und ihre Silhouetten waren nicht mehr klar umrissen. Die Geister der Stadt huschten vorbei.

Im Restaurant, so hatte es zumindest den Anschein, lebte eine Katze. Sie saß neben mir am Tisch und zwinkerte mir unablässig zu. Noch nie zuvor war mir eine zwinkernde Katze begegnet, aber mir war auch noch nie eine Katze im Restaurant begegnet. Also nahm ich die Begebenheit einfach an und überlegte noch, ob sie vielleicht ein Augenleiden hätte.
Ein leises Klavierklimpern war zu hören, und ich konnte den Barkeeper sehen, wie er langsam und automatisiert Gläser abtrocknete. Die Katze verschwand hin und wieder, drehte ihre Kreise durch das Restaurant und setzte sich dann doch wieder zu mir und zwinkerte.

Ich hatte meinen Salat aufgegessen und legte das Besteck zur Seite. Dann trank ich den letzten Rest Jasmintee aus meiner Tasse. Der Kellner, der mir zuvor noch das Essen gebracht hatte, war verschwunden. Also ging ich zum Barmann und sagte ihm auf rudimentärem Russisch, dass ich gern bezahlen möchte. Er antwortete, dass gleich jemand kommen würde, also setzte ich mich an die Bar und wartete.
Eine Kellnerin und ein dünner Mann mit beigefarbenem Poloshirt, olivgrünen Sakko und einem rausgewachsenen Haarschnitt kamen zum Bartresen. Die Kellnerin lächelte freundlich-entschuldigend und kassierte. Der Mann stellte sich zu mir und sich vor. "Pavel" war sein Name, er drückte meine Hand, lächelte und gab den Blick auf seine gelben Zähne frei. Er sprach schnell und gab sich keine Mühe, langsamer zu sprechen, selbst als er bemerkte, dass ich mit meinem Russisch nicht hinterher kam.

Er erzählte, dass er Pianist in dieser Bar sei. Ich lauschte und stellte fest, dass die Musik wirklich verstummt war. Er griff in die Innentasche seines Sakkos und drückte mir eine CD in die Hand. Die sei von seiner Band. Im Gegenzug fragte er nach meiner Handynummer. Ich schüttelte lächelnd den Kopf und versuchte mich schnell zu verabschieden.
Pavel nahm nochmals meine Hand und sagte: "Do swidanja". Dabei zwinkerte er. Ich erkannte einen fadenscheinigen Zusammenhang und hatte plötzlich ein unangenehmes Gefühl im Bauch.

Als ich ging, blickte ich ein letztes Mal ins Fenster. Dort saß die Katze und schaute mir nach.

Dienstag, 22. April 2014

Lollyboy

Der Intercity stand in Hamburg-Harburg und der Schaffner meldete einen technischen Defekt im ersten Wagen. Allerdings sei dieser innerhalb einiger Minuten behoben, versprach die Lautsprecherstimme. Ich schaute aus dem Fenster, die malerische Tristesse des Bahnhofs umgarnte meine Augen. Kleinkinder im Großraumabteil quengelten wahlweise nach Mama oder Papa, liefen umher und schienen dem außerplanmäßigen Zwischenhalt keine Freude abzugewinnen.

"Ist hier noch frei?", ich blickte in dunkle Augen und nickte stumm. Er legte seine Jacke auf den Sitz, manövrierte seinen Koffer in die Gepäckablage über meinem Kopf, schob eine Plastiktüte zwischen die Sitzreihen. Dann nahm er seine Jacke, befestigte sie am herunter geklappten Tischchen und baute sein portables Kinoerlebnis auf. Er verkabelte sich und den Sitz. Sogleich fühlte ich mich im Kabelsalat gefangen. Ich schielte auf seine Unterarme, es waren schöne dunkle Haare darauf. Ich hatte den abrupten Instinkt, darüber streichen zu wollen. Eine unbewusste Kindheitserinnerung, mein kleiner Elektrakomplex.

Er zog eine Tüte Chips mit Paprikageschmack aus seiner Plastiktüte und stellte sie neben den Bildschirm, auf dem Aliens ihr Unwesen trieben. Danach wickelte er einen großen weiß-pink gemusterten Lolly aus der Folie und schob ihn in seinen Mund. Er atmete hastig. Er war jenseits der 30 und lutschte aufgeregt an seinem Lolly. Irgendetwas irritierte mich, aber ich konnte nicht ausmachen, was es war.
Keine Minute später zerbiss er bereits den Lolly. Es krachte unangenehm laut in seinem Mund, während er den Zuckerbrocken zermalmte. Unablässig starrte er auf den Bildschirm und griff beinahe hypnotisiert zur Chipstüte. Diesmal knisterte es neben mir, die Tüte war innerhalb weniger Minuten geleert. Mit dem Kopf im Nacken schüttete er sich die letzten Reste in den Schlund.

Immer noch stand der Zug am Harburger Bahnhof. Ich schaute angestrengt aus dem Fenster und versuchte irgendein Geschehen auszumachen, das meine Aufmerksamkeit umlenken würde. Aber an diesem Ort gab es nichts, was die Penetranz der Nahrungsaufnahme meines Sitznachbarns übertrumpfen konnte.
Eine Angestellte des Bordbistros zuckelte mit ihrem kleinen Wagen durch das Abteil. "2 Snickers, bitte", hörte ich meinen Nebenmann sagen. Er öffnete die Verpackung und drückte sich die Schokoriegel in den Mund. Ich vernahm ein leises Schmatzen an meinem Ohr. Dann war es für einige Minuten ruhig. Er war in seinen Film vertieft, griff dann jedoch abermals in die Plastiktüte. Er zog einen weiteren Lolly hervor. Wieder lutschte er energisch darauf herum. Ich schaute ihn an.

Er musste meinen Blick bemerkt haben, entkabelte sein rechtes Ohr und sah nun mich an. Langsam glitt die weiß-bunte Kugel aus seinem Mund. Dann hielt er sie direkt vor mein Gesicht. "Willste auch einen?", fragte er, während er sich mit der Zungenspitze die Lippen leckte.

Ich schüttelte den Kopf, woraufhin er sich den Lolly genüsslich zurück in den Mund schob. Ich blickte aus dem Fenster und hörte es im Kiefer nebenan wieder heftig krachen. Der Zug setzte sich in Bewegung. Ich seufzte erleichtert.

Samstag, 5. April 2014

Für E.


Die Nachtluft ist verbrannt und zugleich betörend. Ich trage meine Lederjacke und laufe ziellos durch die Stadt, weil ich nicht ruhig sitzen kann, weil ich mich bewegen muss, weil sich alles so verheißungsvoll anfühlt.
Du weißt, was ich meine.

Dies ist die erste Nacht. Die erste Frühlingsnacht in diesem Jahr. Sie ist längst ausgetrunken, aber unten auf dem Grund verbirgt sich noch ein winziger Rest. Und solange der nicht in meine Kehle gewandert ist, kann und will ich nicht schlafen. Also lege ich den Kopf in den Nacken und drehe mich, während sich über mir die Sterne drehen.

Ich gehe nach Hause, weil ich nicht wüsste wohin sonst. Mit mir. Und auf den Treppen merke ich, dass ich angekommen bin. Dass ich genau hierhin wollte. Und dann wird mir bewusst, dass das alles nur mit dir Sinn machen würde. Dass ich links sitzen würde, und du rechts. Und wir würden im Dunkeln flüstern und die Menschen, die Autos, die Sterne beobachten. Du würdest rauchen. Wir würden reden. Oder schweigen. Und irgendwann würden wir unsere eigenen Verschwörungstheorien aufstellen, an die nur wir glauben können. Alles ist nichts. Und nichts ist alles. Zumindest für diese eine Nacht.

Langsam würde ich zur Ruhe kommen, laut gähnen und müde werden, während ich das letzte bisschen Nachtluft herunter schlucke. Wir würden aufstehen, der Schlaf würde sich auf uns stürzen und wir würden es gerade noch schaffen uns eine gute Nacht zu wünschen, ehe er uns mit plötzlicher Kraft überwältigt.

Ich sitze hier und weiß nicht, wie ich diese Nacht austrinken soll. Wahrscheinlich ist sie schon längst leer. Alles auf ex. 

Du fehlst.

Freitag, 4. April 2014

Noch einmal.


Noch einmal auf das Handy schauen. Noch einmal "Ja" sagen wollen, und stattdessen nicht "Nein" sagen können. Noch einmal die Beherrschung verlieren. Noch einmal das Licht anmachen. Noch einmal die Vorhänge zur Zeit schieben. Noch einmal auf die nachttote Straße schauen. Noch einmal warten. Noch einmal den Autos lauschen. Noch einmal Hyänen im Bauch. Noch einmal die Tür öffnen. Noch einmal ein schiefes Grinsen im Gesicht. Noch einmal die Hand ausstrecken. Noch einmal du.

Montag, 31. März 2014

Gerhard


 (Quelle: Tumblr)
 
Die Farben waren kräftig, das dicke dunkle Rot auf der riesigen Leinwand löste etwas in mir aus. Blut, Ketchup, Lava, ich war unsicher an was es mich erinnerte, aber ich schaute das Bild fasziniert an. Vorsichtig berührte eine Hand meine Schulter, jemand hinter mir nannte mich fragend und leise bei meinem ganzen Namen. Ich drehte mich um und schaute in ein bekanntes Gesicht. Es war ein Jahrzehnt vergangen, in dem ich ihn nicht gesehen hatte. Er schien nicht älter geworden zu sein, ich erkannte ihn sofort. Nochmals wiederholte er meinen Vor- und Nachnamen. Ich schüttelte den Kopf und sagte: "Nein, ich heiße jetzt Siewert mit Nachnamen". Er verstand sofort und sagte: "Oh, Glückwunsch", deutete dann auf meinen Finger. "Kein Ring?", fragte er lächelnd. Seine Aufmerksamkeit erstaunte mich, ich schwieg kurz, dann sagte ich: "Nein, kein Ring".