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Mittwoch, 25. März 2015

Hyggelig


Die Luft hier ist anders. Klarer irgendwie. Und das klingt schon wieder ziemlich abgedroschen, aber genauso ist es. Wie sollte die Luft auch sonst sein, wenn sie über dem Atlantik gewaschen wurde, über die Nordsee geflogen kam und sich nun in meine Nase verirrt hat und meine Lunge erfüllt.

Wir laufen durch die Dünen, und es ist so still, dass ich das Gefühl bekomme, in einen Eierkarton gepackt zu sein. Vielleicht bemerkt man erst, wenn nichts mehr Störendes da ist, dass selbst das Nichts so energisch und einnehmend sein kann. Nichts hören außer die Schritte im Sand, nichts sehen außer die mit Strandgras bewachsenen Sandhügel, nichts riechen außer die magische Luft, nichts fühlen außer die Sehnsucht endlich das Meer zu erblicken.

Die Trampelpfade schlängeln sich hinauf und hinab, mit jeder kleinen Kuppe wächst das Verlangen, und als wir endlich einen schmalen Streifen tiefen Blaus am Horizont entdecken, erfüllt uns das ewig währende Gefühl, das sich auch beim Feuerwerk zum Jahreswechsel und beim ersten Biss in die ersten Erdbeeren des Sommers einstellt. Mitten im Bauch, klein und kribbelnd: Das Glück.


Sonntag, 12. Oktober 2014

The colder water, the blower's daughter.


Wenn mir vor einigen Jahren jemand mit Blick in die Glaskugel erzählt hätte, dass ich ihm jemals in diesem Leben begegnen würde - ich hätte die Augen verdreht. Wenn mir jemand erzählt hätte, dass wir eines Tages zusammen im Ozean schwimmen würden - ich hätte ungläubig mit dem Kopf geschüttelt.

Mein kleines rotes Mietauto war voll mit Freunden von dir, auf der Rückbank ein letzter freier Platz in der Mitte. Wir fuhren durch die unzähligen verwinkelten Einbahnstraßen Reykjavíks, irgendwann sollte ich anhalten, ich sah nur ein Gesicht im Rückspiegel. Ein schönes Gesicht mit leuchtenden Augen. Der Hotpot direkt am Strand, im Süden der Stadt, würde in einer Stunde schließen, ich fuhr über die einzige sechsspurige Straße des Landes und aus dem Radio tönten Popsongs. Es war ein wunderbarer isländischer Sommertag, ich hatte das Autofenster geöffnet, zwitscherte zu den Liedern und der schöne Mann stimmte mit ein.

Als wir ankamen, verschwanden wir in den Umkleidekabinen und fanden im Hotpot wieder zueinander. Du wolltest im Meer schwimmen gehen, er wollte mitkommen und ich nahm all meinen Mut zusammen und begleitete euch. Wann hat man schon mal die Gelegenheit in der nördlichsten Hauptstadt der Welt im Atlantik zu schwimmen? Über den Strand rennen, nur nicht zögern, immer weiter, selbst, wenn du bereits mit den Füßen im eiskalten Wasser bist, selbst, wenn dein ganzer Körper vor Schmerz schreit und durch deinen Mund nur ein zaghaftes Quietschen weicht. Und dann steckst du bis zum Kopf im Ozean. Und der Moment ist riesig.

Später sitzen wir wieder im Hotpot und Wärme durchflutet unsere Körper. Der Mann sieht mich an. Er grinst. Ich werde das Gefühl nicht los, ihn zu kennen. Schaue auf seine überaus attraktiven Unterarme, auf seinen nackten Oberkörper.
Eine Durchsage verkündet, dass das Miniaturschwimmbad schließt, wir ziehen uns um. Später steht er neben mir, reicht mir seine Wasserflasche und ich nehme einige durstige Schlucke.

Wir fahren nach Hause. Als wir ankommen, alle bereits ausgestiegen sind und ich langsam zur Ruhe komme, fällt mir auf, wer da auf meiner Rückbank saß. Mit wem ich gerade im Atlantik gebadet habe. Und ich bekomme den Mund nicht mehr zu.
Auch heute nicht, als ich mir die Lieder seines neuen Albums anhöre, durch meine Küche laufe und leise mitsinge. Es ist schwierig zu verstehen, dass ich mit dem Mann mit Gitarre, der mich seit so vielen Jahren durch mein Leben begleitet, tatsächlich einen Abend am Strand von Nauthólsvík verbracht habe - und erst im Nachhinein bemerkt habe, wer das eigentlich gerade war.

Sonntag, 18. Mai 2014

Flohmarkt



Sonntag. Und der Tag hält endlich, was er so sehr verspricht, was er in seinem Namen trägt: Sonne. Als ich aufwache, scheint sie schon hell ins Zimmer. Nichts macht mehr Sinn an solch einem Sonnentag, als nach draußen zu gehen. Also tun wir das.

Auf dem Flohmarkt sind unglaublich viele Menschen, und als wir durch das Tor gehen, schaue ich dich an und sage: "Ein Panoptikum der besten Sorte". Und damit meine ich nicht den Krempel, der hier verhökert wird, sondern die Leute.
Kilometerlang ziehen sich die Tische, randvoll bedeckt mit Plüschtieren, Kaffeetassen, Büchern, Kleidung, Antiquitäten und solchen, die es sein wollen. Es wird auf gefühlten tausend Sprachen gehandelt und die Luft riecht nach Dachboden oder Keller, obwohl wir auf einer riesigen Wiese spazieren.

Manchmal frage ich mich, wie viele Häuser es braucht, um all diese Sachen aufzubewahren. Welche Geschichten die Dinge erzählen, und wem sie mal etwas bedeutet haben. Und wer froh ist, endlich diese ganzen Erinnerungen los zu sein. Manchmal frage ich mich, warum wir unsere Herzen an Sachen hängen. Vielleicht, weil sie nur kaputt gehen können. Aber einem niemalsnie weh tun werden. Außer man findet sie nach Jahren wieder. Irgendwo verstaubt in einem Karton. Dann kann ein einziges Foto eben doch ins Herz schneiden.

Die Sonne brennt sich in unsere Haut hinein, und wir schlendern an den Ständen vorbei. Ich schaue mir den Wust an Plunder an, und denke, dass Flohmarkt eben nicht nur Kaufen und Verkaufen ist. Es ist geduldete, ja gar gewollte Schnüffelei. Denn mal ehrlich: Wen interessiert es nicht, was andere Leute so in ihren Schränken haben? Sehen, was andere so um sich horten? Welchen Sammelleidenschaften sie nachgehen? Man kann ja nicht einfach beim Nachbar an der Tür klingeln und sagen: "So, ich will jetzt aber mal in ihren Schrank schauen, wollte schon immer mal wissen, was es da so gibt". Nein. Das traut man sich nicht. Aber auf dem Flohmarkt, da ist das erlaubt. Da darf man sich sogar die besten Stücke raussuchen und dann in den eigenen Schrank stellen. Und selbst, wenn es nicht der Nachbar ist. Man duzt sich beim Handeln. Und bekommt, mit ein bisschen Glück, die Geschichte zur soeben erworbenen Kaffeedose gleich mit dazu.

Nach einer Stunde beginnen meine Füße angenehm zu schmerzen und wir gehen wieder nach Hause. In meiner Tasche befindet sich ein Foto. Schwarz-Weiß, ausgeblichen. Kind mit Finger im Mund. Ohne Geschichte. Die muss ich mir erst noch ausdenken. Woran ich mich aber erinnern werde, wenn ich dieses Foto nach einigen Jahren aus einem verstaubten Karton ziehen werde: Sonne, Sonntag, Flohmarkt, du und ich. Und das Foto wird mir nicht ins Herz schneiden, sondern mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Das geht nämlich auch.